LYRIK

 

 

VORWORT

Mark Twain wurde einst gefragt, wo er am liebsten nach seinem Tod residieren würde.

 

Antwort:

"Im Himmel wegen des Klimas

 - in der Hölle wegen der Gesellschaft"


 


 

GEZEITEN

 

Manchmal wäre ich gern der Indische Ozean

in den all die weisen Gedanken

der Gelehrten dieser Welt

wie breite Ströme hineinfließen

 

Manchmal wäre ich gern der Himalaya

mit windumtosten, schneebedeckten Gipfeln

auf denen die Götter

aller Sehnsüchte wohnen

 

Manchmal liege ich nachts auf meinem

zerwühlten Bett und die lüsternen Krokodile

nagen mit ihren gespitzten Zähnen

an meinen Gehirnzellen

 

Manchmal fühle ich mich

nur zu dem berauschenden Dröhnen

des Sturms hingezogen,

der durch meine Seelenscheiben pfeift

und mir meinen Verstand rauben will

 





 

HIMBEERGEISTER

 

Wärest du Du

Wärest du fast wie Ich

 

Wärest du Ich

Wärest du nicht mehr Du

 

Wäre das Kamel

ein Krokodil

 

würde es Eier legen


 


 

MOONSOON

 

Niemand

schläft näher neben dir

als deine Träume

 

Nichts ist härter

als die Wand

hinter deinem Spiegel

 

Kaum etwas

ist wärmer

als ein unverhofftes Lächeln

 

Kein Bild ist perfekt

ohne Gewitter

mit wilden Orchideen

und schwefelgelben Schatten

 

 

KLEINFAMILIE


 

Die Mutter hieß Ironie

Der Vater Sarkasmus

 

Die Ironie und der Sarkasmus

umschlagen und liebten sich

 

Ihr Kind nannten sie Liebe

 

Die Extase spielte Hebamme

ohne größere Ausbildung

 

Die Liebe bekam Angst

sie wurde immer winziger

 

Sie wurde zur Furcht




 

NIRVANA FOR MICE

 

Die Hoffnung

ist wie ein Autounfall

ohne Verletzte

 

Die Sehnsucht

ist wie nackt

auf Samoa zu überwintern

 

Die Angst

lauert in deinem Nacken

trotz Tattoo

und pinkigen Fingernägeln

 

Die Liebe

überfällt dich

wie ein Felssturz

aus Watte

 




 

BEZIEHUNGSKISTEN

 

zunächst

werden die Gläser

vorsichtig gespült

und in Schubladen sortiert

nur keine Kratzer!

 

dann

mit Küssen getrocknet

auf Händen getragen

umspringen Affen

voller Begierde

meinen Kopf

 

später

nach Jahren des Spülens

stapelt sich des Geschirr

von Schimmel bedeckt

in Ecken der Gleichgültigkeit

 

zuletzt

wachsen die ungespülten Gläser

zu Bergen

voller Scherben


KUNSTGEBURT

 

der Punkt wächst zur Linie

die Betrachter staunen

 

die Linie will zum Kreis

sogar zum Viereck wachsen

 

Alle sehen gespannt zu

 

da kommen die Farben

und bringen alles durcheinander

 

nichts ist mehr wie erwartet

 

die Kunstliebhaber

schütteln ihre Häupter

und runzeln die Stirn

 

der Kunstmarkt

reibt sich die Hände

 

der Künstler

wundert sich und reinigt die Pinsel

 



 

 

 

ÜBERLEBENSGIER

 

Auch Polizisten

sind Rassisten

sie lieben ihre Pistolen

ganz unverhohlen

 

Der Obsthändler

streichelt den Apfel

und zerquetscht die Made

wenn sie sich blicken lässt

 

Ein Auto quietscht

um die Ecke

und die Leichen

warten schon

 

Der Mörder

liebt sein Opfer -

 

er weiß es nur nicht

 


 

WORTWÖRTER

aus der Serie: "Kommunikation"

 

Die Worte

sagten zu den Wörtern:

"sprecht!"

 

Die Wörter

berieten sich auf einem Kongress -

Worte wurden auf silberne Waagen gelegt

und für zu schwer befunden

 

Die Worte wollten keinen Krieg

sie wollten sich

nur zu Sätzen weiterentwickeln

mit Sinn und Verstand

 

Man kam überein

in Kontakt zu bleiben

 

HARMONIEBEDÜRFNIS

aus der Serie: "Menschliche Kommödien"

 

Die Zelte

stehen in Reih' und Glied

 

Die Heringe

warten auf ihre Schläge

 

Der Schneemann

fürchtet die Hitze

er weiß um seine

Endlichkeit

 

Der Bettler

liebt den Schneemann

und plant die Hochzeit

 

die Eltern

sind dagegen

denn sie haben

auch immer gebettelt 

 

 

 

 



 

GEOMETRISCHE LIEBELEIEN

 

Die Rechtecke

wollen endlich rundlicher werden

 

Die Dreiecke

sehnen sich nach Tangenten

 

Die Ecken und Kanten

wollen sich einfach nicht verpissen

 

Die Ovale

lieben Ecken

und suchen nach Ergänzung



 

ERWARTUNG

 

Das Herz pocht solange

bis du zu müde bist

die Tür zu öffnen

 

Weißer Sand

warm und weich

entführt mich

ohne Wehmut

auf die weite See

 

Das Leben

rauscht dahin

ich rausche mit

auf dem Floss der Medusa

 

in das Leben


MONOTEKEL

 

Teller im Schlund

Stiefel im Graben

Teufel an der Wand

 

Was willst du

denn noch alles haben?

 

 

 

 

 



 

DIE LÜGE

 

Die Wahrheit ist das Nichts

und das Nichts ist die Wahrheit

 

Nichts ist wahrer

als die schönste Lüge

 

Niemand lügt ohne Traum

 

Viel Glück

 

 

 



 

FEINWÄSCHE

 

der Tag

furzt eine Sonne

 

die Nacht

einen Mond

 

willst du

das Meer spüren

 

musst du

nur deine Tränen trinken